Am Anfang war Hagene

Über die Geschichte des Dorfes Hahn im Hunsrück hat sich eigentlich noch niemand so recht Gedanken gemacht. Lediglich Lehrer Kalter, der erste Schreiber in der Schulchronik, hat um das Jahr 1900 als Anfangsbericht in diesem Buch folgendes über "Die Gemeinde zu Hahn" festgehalten:

Hahn liegt auf dem nordwestlichen Teil des Hochplateaus des Hunsrücks und gehört zur Bürgermeisterei Sohren, zugeteilt zum Kreise Zell/Mosel. Über die Gründung bzw. über den eigentlichen Ursprung des Dorfes liegen nur wenige Tatsachen vor. In den ältesten Zeiten führte es den Namen Hagen. Ein jetziges, zwischen Lautzenhausen und Raversbeuren gelegenes Stück Wald führt heute noch den Namen HAGENDORN. Den Namen Hagen führt es nach einem Gut, das einem Herren Namens Hagen gehörte. Auf diesem Gut bzw. an dieser Stelle bildete sich das Dorf. Nähere Urkunden liegen bis zum Jahre 1592 nicht vor.

Durch meine Forschungen, die ich 1994 begonnen habe, konnte ich wesentlich mehr über die anfängliche Entwicklung unseres Ortes herausfinden.
Die ersten Erwähnungen - Text von Dieter Ochs-Wedertz

Der Name Hahn
Er stammt von dem althochdeutschen Haganahi, entwickelte sich weiter zu Hac - Hagene, zu dem Hane, zu Hane, Han und schließlich Hahn. Der Flurnamenforscher Heinrich Dittmeier gibt dazu folgende Erklärung: „Der eingefriedete, mit Hecken umstandene Wohnbereich, oder Güter, die zum persönlichen Eigentum des Adels gehören. Solche Liegenschaften waren als Inbegriff der Herrschaft mit dem Nimbus einer Abgrenzung zum gemeinen Volk, in der Regel mit einem Flecht- oder Heckenwerk umgürtet (Siehe Chronik Ulmen S.323)“. Diese "Umzäunung" wurde oft mit Rot- oder Weißdornhecken durchgeführt.

In Erinnerung an diese alte Bedeutung des Namens Hahn, hat die Gemeinde 1998 im Ort eine Baumpflanzaktion mit Rotdornbäumen durchgeführt.


Die erste Erwähnung

von Hahn stammte aus dem Sponheimischen Zins- u. Gefällregister von ca. 1310 (LHaKo 33/15056), In diesem "Steuerbuch" heißt es unter anderem: "Zu entrichten an Nachtselde und Bannwein: In Luzinhusen (Lautzenhausen) und Hagene (Hahn) 18 S.(Schilling)."

Es ist aber wahrscheinlich, dass Hahn in der sogenannten "Rodezeit", also ab dem 10. Jahrhundert entstanden ist. Im mittelalterlichen Urkundenbuch auf Seite 348 fand ich die Abschrift einer in Latein geschriebenen Urkunde. Ich bat unseren ehemaligen Pfarrer, Herrn Hans-Martin Busch, um Übersetzung. In dieser Urkunde schenkte ein Bruder Winecon der Abtei Mettlach/Saar verschiedene Besitzungen bei Pünderich und Lötzbeuren. Unter anderem auch 6 Wiesen bei Lötzbeuren:

1. Eine Wiese gibt es neben dem Gutshof, welcher Lorcibura (Lötzbeuren) genannt wird an dem Ort, der norkirsi genannt wird bei III Carradas

2. eine andere Wiese in dem Gebiet des kleinen Baches Diecelini bei III Carradas

3. Bei HAGENE (Hahn) gibt es eine Wiese, deren zwei Teile Winechon gehören, der 3. Teil gehört den Söhnen seiner Schwester.

4. Eine Wiese in Haselstruth, die ihm und seiner Schwester gehört.

5. Eine Wiese gibt es an dem Ort der Sutirsi genannt wird, bei I Carradam und

6. der Geroldsignum genannt wird.

Diese Urkunde wird um das Jahr 1120 datiert.

Jetzt stellt sich die Frage, ist dies unser Hahn oder nicht?

Gemarkungsgrenzen gab es zu dieser Zeit keine. Die Ländereien gingen fließend ineinander über, wodurch es immer wieder zu Streitigkeiten kam. Betrachtet man die Landkarte im Bereich des heutigen Hahn u. Lötzbeuren, so ist der Weg zwischen beiden doch recht lang, so dass keine großen Beziehungen in dieser Zeit vermutet werden könnten.

Geht man genauer auf die Urkunde ein, ist festzustellen, dass ein Teil der Wiesen am heutigen Waschbach (Diceline) bei Lötzbeuren, und an der heutigen Grenze zwischen Hahn und Raversbeuren lag. Die Wiese in Haselstruth war vermutlich an der heutigen Raversbeurener Grillhütte gelegen. Dort gibt es heute noch den Flur "Struth". Ganz in der Nähe, auf Hahner Gemarkung, könnten die Wiesen bei Hagene gewesen sein. Der Flurname "Hagendorn" existiert jetzt noch dort. In älterer Zeit war Hagendorn auch Bezeichnung für mittelalterliche Wüstungen (verlassene Siedlungen). Der Hagendorn liegt zwischen der Raversbeurener Grenze und dem Flur "Erb".


"Erb" bedeutet: Land, welches einer schon lange in Besitz hat, besonders das Anwesen, d.h., das an den Hof anschließende Garten- und Baumgartenland. Genau in diesem Gebiet befand sich eine römische Ansiedlung mit mehreren Gebäuden und einem Herrenhaus mit 40 mal 50 Meter Seitenlänge.

In der Vergangenheit war es fast immer so, dass an Stellen, die einmal besiedelt waren, auch weiterhin Menschen siedelten. So muss es wohl auch hier gewesen sein, denn genau an der römischen Siedlung fand ich einen Grenzstein des Klosters Mettlach. Daraus lässt sich schließen, dass die in der Urkunde von 1120 erwähnten Wiesen in diesem Bereich waren. Die Angaben aus der Urkunde lassen sich in späterer Zeit, in einer Urkunde von 1438 weiter verfolgen. Da heißt es im Gültbuch (Steuerbuch) der Grafen von Sponheim: "...das die von Trarbach von den Rodungen in den Gerichten Hahn (Hane), Raversbeuren u. Lötzbeuren (Lurtzburen) den Herrschaften Wiltfank zugeben haben. Soviel Samen ein jeder sät, soviel Frucht muss er liefern. Die von Wildberg (burg) haben davon 2/3."

Es könnte sich um dieselben Flächen gehandelt haben, da sonst zwischen den 3 Orten kein Zusammenhang bestand.

Auch Flurnamen sagen sehr viel über die Geschichte aus. Im Urkataster von 1831, welches im LHaKo Außenstelle Kobern-Gondorf verwahrt wird, wurden alle aus alter Zeit stammenden Flurnamen aufgeschrieben und in Flurkarten eingezeichnet. Es ist für die geschichtliche Aufarbeitung sehr wichtig, da fast jeder Flurname eine Bedeutung hat. Sie wurden über Jahrhunderte unverändert weitergegeben. Durch Übersetzungs- und Schreibfehler sind jedoch in dieser Zeit (1831) einige Flurnamen etwas verändert worden. Im Urkataster von Lötzbeuren ist eine Flurbezeichnung mit dem Namen Hahner-Pfad eingetragen. Diese Bezeichnung gibt es auch heute noch. An der Straße nach Raversbeuren, in der langen Linkskurve, rechts in Richtung des alten Steinbruches. Sie bedeutet wohl "Pfad nach Hahn". Daher muss doch eine Verbindung zwischen den beiden Orten bestanden haben. In Hahn gibt es keinen Flurnamen wie Lötzbeurener Pfad oder ähnlich klingend. Auch der Beurener Weg hat nichts mit dem Ort Beuren zu tun. In einer Grenzbeschreibung der Sohrener Pflege, von 1476, wird er "Borner Weg" genannt. In der Bedeutung als Weg nach dem Kaldenborn.

Die aufgeführten Feststellungen verstärken meine Auffassung, dass Teile der Siedlung Hagene (Hahn) bis ca. 1350 im Bereich des heutigen Flur "ERB" zu suchen sind. Auch dieselbe Schreibweise von Hagene 1120 und 1310 sind bemerkenswert. In der Zeit von ca. 1330 bis 1350 gab es in unserer Siedlung starke Veränderungen. Eine weitere Tatsache für diese Annahme ist der Entstehungszeitraum unserer Kirche. Anhand von 2 dentrochronologischen Untersuchungen an alten Holzbalkenresten, die noch im Turm eingemauert waren, konnte ein Verbaudatum des Holzes um das Jahr 1370 ermittelt werden.

Der Schutzpatron der Kirche ist der hl. Antonius (der Große, geb. 251n.Chr). Er ist der Beschützer der Kranken (Pest) und des Viehs.

 

Nachgedacht und zusammen gefasst

Hagene bestand bis ca.1350 aus mehreren Siedlungen, die verstreut in der Gemarkung lagen, was in dieser Zeit überall in kleinen Orten so üblich war. Der Haupthof lag im Bereich des heutigen Flurs "Hagendorn". Die Verbindung nach Lötzbeuren war von dort durch Wege und Pfade (Hahner Pfad) gesichert. Auch die Verbindung nach Lautzenhausen war von dem Standort nicht weit (gemeinsame Nennung 1310). Die ebene Hochfläche und die Deutung des Flurnamens ERB (Land, das einer schon lange in Besitz hat), sowie die alte vorgeschichtliche Straße, die, von der Mosel kommend, zur Hunsrückhöhenstraße und weiter über Büchenbeuren zur Nahe führte, sind ebenfalls Anzeichen dafür. Zwischen 1310 und 1350 gab es eine Veränderung. U. a. trat 1349 in vielen Gebieten die Pest auf, ganz besonders verheerend in unserem Bereich. Große Teile der Bevölkerung starben. Die Überlebenden verließen ihre verseuchten Häuser und Siedlungen. Auch gab es herrschaftliche Streitigkeiten, da wir immer an einer Grenze lagen. Diese müssen noch genauer erforscht werden. Im Bereich der heutigen Ortslage fand man sich zusammen und errichtete, weil es mittlerweile in Mode kam, einen zusammenhängenden Ort. Nach Informationen von Wolfgang Seibrich aus Kirn, kam man dem Gedanken an ein Dorf im heutigen Sinne, erst im 14.-15. Jahrhundert näher. Hier gab es genügend Wasser und bebaubares Land für die Viehhaltung. Auch führte der wichtige vorgeschichtliche Verbindungsweg zwischen der Agrippastraße in der Eifel und der Hunsrückhöhenstraße, über Briedel, direkt am Ort vorbei. Vermutlich in Anlehnung an die ehemaligen Siedlungen von Hagene nannten sie die neue gemeinsame Siedlung "zu dem Hane". Wobei beide Namen die gleiche Bedeutung des umzäunten Wohnbereichs haben. Die Schreibweise war in den folgenden Jahren unterschiedlich (s. o.). Zur Sicherung der Bevölkerung in Kriegszeiten wurde um 1370 ein "Fluchtturm" errichtet (der heutige Kirchturm), später ein Kirchenschiff und der Chor angebaut, als Schutzpatron der hl Antonius der Große gewählt. Er war Beschützer der Kranken (Pest), Armen und des Viehs. Um diese Kirche entwickelte sich dann unser Ort, bis zu heutigen Tage.

Somit wäre die erste Erwähnung von Hahn 1120 anzusetzen.

 

Quellen:

Schulchronik Hahn

Görz Adam: Urkundenbuch MRUB S. 348

LHAKo AS Kobern-Gondorf Urkataster 1931

Dittmaier Heinrich Rheinische Flurnamen, Bonn 1963

Adresse & Kontakt

Weitere Infos zur Geschichte bei

Dieter Ochs-Wedertz
Am Moselweg 16
56850 Hahn

Email: post@dorf-hahn.de

Telefon: 0160 5049517


Impressionen